Titelbild: HMS Dauntless/Royal Navy

Die Briten freuen sich über zwei neue Flugzeugträger. Sowohl Geld als auch Personal dafür fehlen allerdings – gespart wird beim Rest der Flotte der Royal Navy.

Prinz Charles hat wohl innerlich eine Träne vergossen, als seine Ehefrau Anfang September eine Flasche Laphroaig-Whisky zerschmetterte. Camilla, die Herzogin von Cornwall, taufte mit dem Hochprozentigen den zweiten Flugzeugträger der britischen Marine auf den Namen ihres Ehemanns, HMS Prince of Wales. Die Whisky-Marke gilt als eines seiner Lieblingsgetränke.

Die Trauer dürfte sich angesichts des Giganten, der getauft wurde, allerdings in Grenzen gehalten haben. 2019 wird das größte Schiff, das die Royal Navy je gebaut hat, mit Probefahrten beginnen. Die Daten des Flugzeugträgers sind eindrucksvoll: Mit 65.000 Tonnen wird die Prince of Wales 3.000 Tonnen mehr verdrängen als ihr Schwesterschiff, die HMS Queen Elizabeth. Sie befindet sich mitten in Erprobungsfahrten und wird im Jahr 2020 in Dienst gestellt. Von dem 70 Meter breiten und 280 Meter langen Deck der Prince of Wales sollen künftig bis zu 40 Flugzeuge und Hubschrauber starten und landen.

Mit 6,2 Milliarden Pfund sind die beiden Flugzeugträger die größte Investition in die Modernisierung der Royal Navy seit Jahrzehnten. Der britische Boulevard jubelt. Die britische Marine, deren Flotte von Jahr zu Jahr schrumpft, scheint auf dem Weg nach oben zu sein. Der Schein trügt.

Großes schwarzes Loch

Noch hat die britische Marine mit 77 Schiffen eine der größten Flotten der Welt. Doch ein Gutteil der Flotte liegt im Hafen vor Anker. Ein Grund dafür sind die neuen Flugzeugträgern: Mindestens 679 Mann braucht die Royal Navy, damit das Schiff auslaufen kann. Insgesamt kann das Schiff bis zu 1.600 Soldaten transportieren. Personal, das die Royal Navy nicht hat.

Das Flaggschiff der Royal Navy
Neuer Stolz der britischen Marine: das künftige Flaggschiff HMS Queen Elizabeth. Foto: lphot dan rosenbaum/mod/crown copyright 2017

Dass ein Teil einer Flotte im Hafen liegt, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Normalerweise befindet sich rund ein Drittel einer Marine für Wartungsarbeiten, Nachrüstung und Training im Hafen. Britische Medien berichten jedoch, dass 13 der 19 Fregatten und Zerstörer der britischen Marine nicht in See stechen können.

Das größte Personalproblem stellen derzeit Techniker dar, die aufgrund der immer komplexeren Systeme an Bord moderner Schiffe dringender benötigt werden denn je. Die Einschnitte des Jahres 2010 haben nicht unbedingt geholfen. Damals kürzte die Royal Navy bis zu 4.000 Mann.  haben dabei nicht unbedingt geholfen.

Milliardenloch

Die wenigen Schiffe, die noch unterwegs sind, steuern direkt auf ein großes Budgetloch zu. Denn im November werden Pläne für ein neues Verteidigungsbudget vorgestellt. Dort dürften neue, unliebsame Überraschungen auf die britische Marine lauern. Der Grund dafür ist auch in einer Volksabstimmung zu finden: Seit dem Brexit-Entschied ist das britische Pfund zeitweise um mehr als zehn Prozent gegenüber dem US-Dollar gefallen.

Das macht vor allem die im Ausland getätigten Käufe deutlich teurer. Und es trifft das Militär im Besonderen: So wird der neue Kampfjet F-35 von den USA produziert und von den Briten in US-Dollar bezahlt. Seit der Brexit-Entscheidung um einen deutlich höheren Kaufpreis – Geld, das das britische Verteidigungsministerium nicht hat. Schätzungen, wie groß das britische Budgetloch ist, gehen von einem Fehlbetrag von 20 bis 50 Milliarden Pfund in den nächsten zehn Jahren für alle Streitkräfte aus.

Schiffe statt Training

Die Misere ist aber auch hausgemacht. Alle modernen Streitkräfte stehen auf einem Dreibein aus Ausrüstung, Personal und Training. Die britische Marine hat sich in den letzten Jahren – Budgetprobleme hin oder her – vor allem für neue Ausrüstung starkgemacht. Die Royal Navy steuert auf eine Situation zu, in der sie moderne Ausrüstung und Schiffe hat, aber nicht das Geld, um damit zu trainieren und sie am Laufen zu halten.

Nachdem man Milliarden für neue Zerstörer vom Typ-45 ausgegeben hat, fehlt am Ende das Geld für Besatzung und Treibstoff. Die HMS Dauntless, ein Zerstörer dieser Klasse mit mehr als 1 Milliarde Pfund Baukosten, ist gar nur mehr als Trainingsschiff im Einsatz.

Modernisierungspläne

Die Admiralität hält der schlechten Stimmung Modernisierungspläne entgegen, die die Royal Navy angeblich noch schlagkräftiger machen sollen. Das Verteidigungsministerium erklärte 2017 zum “Jahr der Royal Navy”. Und tatsächlich wirken die Modernisierungpläne der Marine auf den ersten Blick eindrucksvoll: In den nächsten Jahren baut man neue, hochmoderne Fregatten zur U-Boot-Bekämpfung (Typ 26). Darüber hinaus soll es eine Strategie für den Bau neuer, leichter Fregatten (Typ 31) geben.

Ob davon auch nur ein Bruchteil realisiert wird, ist jedoch zweifelhaft. Die ursprüngliche Zahl von 13 Anti-U-Boot-Fregatten reduzierte man noch vor dem Bau aus Kostengründen auf acht. Drei werden derzeit tatsächlich gebaut.

Auch die neue Schiffbaustrategie steht auf wackeligen Beinen: Die neuen Fregatten vom Typ 31 sollen laut Regierungsvorgaben nicht mehr als 250 Millionen Pfund pro Stück kosten. Unrealistisch, kosten doch vergleichbare Schiffe europäischer Schiffswerften ein Vielfaches.

Wie die BBC berichtet, sollen darüber hinaus die amphibischen Landungsschiffe HMS Albion und HMS Bulwark aus Spargründen stillgelegt werden. Ein Bericht, den das Verteidigungsministerium in London als “reine Spekulation” abtut – dementiert hat es ihn allerdings nicht. Die Stilllegung des dritten amphibischen Schiffes, der HMS Ocean, wurde bereits offiziell bekanntgegeben. Vorher wurde die “Mighty O”, wie die HMS Ocean auch genannt wird, allerdings noch zur Katastrophenhilfe in die Karibik geschickt. Dort wüteten Unwetter. Eine Aufgabe, für die die britische Marine künftig nur mehr wenige geeignete Schiffe hat.

Autor: Stefan Binder.
Veröffentlicht am 17.10.2017

Weiterführende Links:
China, Japan, Türkei: Renaissance der Flugzeugträger
BBC: 
Royal Navy could lose ‘fight on beaches’ ships in planned cuts
“The Telegraph”: Royal Navy a ‘laughing stock’ with three quarters of its warships out of action and ‘struggling to protect British citizens’