Rund 90 Prozent der “Bobbies” der britischen Hauptstadt tragen keine Schusswaffen. Das Prinzip dahinter ist 180 Jahre alt.


Nur 82 Sekunden brauchte Khalid Masoud, um vier Menschenleben auszulöschen. Am vergangenen Mittwoch fuhr der 52-Jährige Brite mit einem Mietauto auf dem Gehsteig der Westminster-Brücke im Zentrum Londons dutzende Menschen nieder, bis er vor dem Westminster-Palast, dem Sitz des britischen Parlaments, zum Stehen kam.

Dort stach er am Eingang einen Polizisten nieder und lief einige Meter weiter, bis er schließlich durch Schüsse aus der Waffe eines weiteren Polizeibeamten tödlich getroffen wurde.

Blumen vor dem britischen Parlament
Menschen legten Blumen vor dem Westminster-Palast nieder, wo im März 2017 insgesamt vier Menschen von Khalid Masoud getötet wurden, bis dieser selbst von einem Polizisten erschossen wurde. In der britischen Hauptstadt aber hielt der Alltag Einzug, und die Touristen sind wieder zurückgekehrt. Foto: flickr/David Holt (CC BY 2.0)

Der Anschlag kam nicht überraschend, in London herrscht keine Woche nach dem Angriff wieder Routine. Nach den Attentaten vergangenes Jahr in Frankreich, Belgien und Deutschland war es für viele Einwohner der Stadt nicht eine Frage ob, sondern nur wann die britische Hauptstadt erneut Opfer eines Attentats wird.

Nur fünf Prozent bewaffnet

Trotz dieser Bedrohung blieb der Stadt eine britische Eigenheit erhalten, die viele Besucher aus anderen Ländern bis heute erstaunt: Mit der Ausnahme von Nordirland trägt der Großteil der britischen Polizisten keine Schusswaffen.

Zwar wurde seit den Anschlägen des 11. September die Anzahl an bewaffneten Polizisten deutlich erhöht, dennoch haben von den mehr als 120.000 Polizisten, die in England und Wales Dienst versehen, nur 5.600 die Berechtigung, Waffen zu tragen – der Großteil davon in London (Stand März 2016). Aber auch dort tragen rund 90 Prozent der “Bobbies” außer Pfefferspray, Handschellen und Schlagstöcken nur ihre Uniform.

Doch selbst wenn bewaffnete Polizisten – sogenannte authorised firearms officers – zu einem Einsatzort gerufen werden, benutzen sie ihre Schusswaffen kaum: Als im Sommer 2016 zum Beispiel ein Teenager fünf Menschen in London auf offener Straße niederstach und dabei eine Person tödlich verwundete, wurde der Täter festgenommen, ohne dass ein einziger Schuss abgegeben wurde. Die Vorgangsweise ist kein Einzelfall: Vom März 2015 bis März 2016 wurden bei Einsätzen in England und Wales nur sieben Mal Schüsse von Polizisten abgegeben. Eine Steigerung um genau eine Schusswaffenabgabe im Vergleich zum Jahr 2014, in dem nur sechs Mal Schüsse von Polizisten im Einsatz abgegeben wurden.

Im gesamten vergangenen Jahr starben nur vier Personen durch Schüsse, die von Polizisten abgegeben wurden.

“Policing by consent”

Der Scheu der Polizei, Schusswaffen einzusetzen, liegt eine jahrhundertealte Politik zugrunde. Als 1829 die Metropolitan Police gegründet wurde, ging unter der Bevölkerung die Angst um, dass die neue Sicherheitsbehörde – genau wie das damals gefürchtete Militär – repressiv werden könnte. Aus diesem Grund wurde das Prinzip “policing by consent” eingeführt. Diese Idee, dass die Polizei primär der Bevölkerung und nicht dem Staat gegenüber verpflichtet ist, hat in Großbritannien bis heute Gültigkeit.

Londons Polizei am Trafalgar Square 1909
“Policing by consent” wurde 1829 bei der Gründung der Metroplitan Police eingeführt. Foto: flickr/Leonard Bentley (CC BY-SA 2.0)

Auch die Uniformfarbe Blau, mit der sich die neugegründete Polizei deutlich von der Infanterie in den damals roten Uniformen unterschied, geht auf dieses Prinzip zurück. Schusswaffen für Polizisten, so Befürworter dieses Prinzips, würden das falsche Signal an die Bevölkerung senden und letztlich mehr Probleme verursachen als lösen.

Geringe Schusswaffendichte

Dass eine solche Politik weiterhin aufrechterhalten werden kann, liegt wohl auch daran, dass nicht nur die Polizei, sondern auch die Bevölkerung Großbritanniens großteils unbewaffnet ist. Laut einer Schätzung der Small Arms Survey kommen auf 100 Einwohner von England und Wales nur rund sechs Schusswaffen. Zum Vergleich: In Österreich kommen dieser Schätzung zufolge 30 Schusswaffen auf 100 Einwohner (die Schätzung ist nicht mit Statistiken über registrierte Schusswaffen zu verwechseln).

Bewaffneter Polizist in London
Immer öfter sind auf britischen Straßen sogenannte “Authorised firearms officers” zu sehen. Polizisten, die die Berechtigung und Ausbildung haben, Schusswaffen zu tragen. Sie machen jedoch nur rund zehn Prozent aller Polizeikräfte in London aus. Foto: flickr/Matthew Kenwrick (CC BY-ND 2.0)

Lange Zeit hatte das Prinzip der unbewaffneten Polizei auch Unterstützung in der Bevölkerung. In einer Umfrage 2004 sprachen sich 47 Prozent der Befragten Briten für eine generelle Bewaffnung der Polizei aus, 48 Prozent waren dagegen. Doch die Unterstützung beginnt zu bröckeln: In einer Umfrage 2015 sprachen sich bereits 58 Prozent der Befragten für Polizisten mit Schusswaffen aus.

Boulevard trommelt

Und nach den Anschlägen in Westminister beginnen bereits Londons gefürchtete Boulevardmedien für eine generelle Bewaffnung der Polizei zu trommeln. Einziges Problem: Londons Polizisten selbst sprechen sich gegen ihre generelle Bewaffnung aus. In einer Umfrage der Gewerkschaft unter 31.000 Polizisten der britischen Hauptstadt sprach sich zwar die Mehrheit der Befragten für mehr bewaffnete Einheiten bei der Polizei aus, doch eine generelle Bewaffnung der Polizei wollten nur 26 Prozent.

Eine Version dieses Artikel erschien am 28. März 2017 auf derStandard.at
Titelbild: Flickr/andriuXphoto  (CC BY-SA 2.0)