Tourismus: Immer mehr Besucher aus dem arabischen Raum besuchen die Bundeshauptstadt – ein hierzulande kaum bekanntes, aber in Arabien populäres Lied trägt dazu bei.


Wenn Anfang August ein Sommergewitter über Wien hereinbricht, wandern die Mundwinkel der meisten Passanten in Richtung Gehsteig. Nur wenigen Touristen ist die Freude über den unerwarteten Regenguss ins Gesicht geschrieben. Es sind Wien-Besucher, die auch bei Sonnenschein ins Auge stechen. Die Frauen tragen meistens schwarz, das Haar verdeckt, oft das ganze Gesicht hinter einem Schleier versteckt. Es ist Sommer – und wie jedes Jahr stürmen arabische Touristen die Stadt. Seit mehreren Jahren steigt die Zahl der Gäste aus dem Orient stetig an. Sie beziehen die besten Hotels und geben überdurchschnittlich viel Geld aus.

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Einer von ihnen ist Ranim. Er und seine Freunde sitzen entspannt auf der Wiener Kärntnerstraße bei einem Kaffee. Der Mittzwanziger aus Dubai ist das erste Mal in Wien und genießt die Stadt und ihr Flair sichtlich. Warum gerade Wien? „In erster Linie wegen der Natur, der schönen Parks. Und des Shoppings natürlich. Aber auch wegen der Leute. Es ist alles sehr entspannt hier“, sagt der junge Besucher, der bereits halb Deutschland bereist hat. Sicherheit und Kultur sind weitere Faktoren, warum Wien bei Touristen aus dem arabischen Raum immer beliebter wird. Doch das erklärt eines nicht: Die Bekanntheit Wiens in weiten Teilen der arabischen Welt.

Wien kennt man. Die Stadt hat in den arabischen Staaten einen klingenden Namen. Zu verdanken hat das die Bundeshauptstadt zum größten Teil einem Künstler, den in Wien hingegen kaum einer kennt: Farid al-Atrasch. Man kann ihn getrost als eine Art „Udo Jürgens der arabischen Welt“ bezeichnen. Der syrisch-ägyptische Sänger, Komponist und Schauspieler ist bereits 1974 verstorben. Seine Lieder aber sind für viele in der arabischen Welt unvergessen und nach wie vor populär. Sein melancholischer Stil hat ihm den Titel des „traurigen Sängers“ eingebracht. Die meisten seiner Lieder handeln von Jugend und verlorener Liebe.
Nur ein Lied handelt von einer Stadt: „Lealy il-uns fi vienna“ – „Die fröhlichen Nächte in Wien“. Wenn ein Araber das hört, schwelgt er in romantischen Gefühlen. Es ist der Titel des Liedes, das von Liebe, Glückseligkeit und unerfüllten Träumen in der Donaumetropole erzählt.

Wie bekannt dieses Lied tatsächlich ist, wird einem spätestens beim Besuch eines arabischen Landes klar. Kaum jemand, der von Wien noch nicht gehört hat; kaum jemand, der nicht von der Donaumetropole schwärmt – oft ohne sie je besucht zu haben.

Foto der Sängerin Asmahan
Unvergessen: Die Sängerin Asmahan. Foto: Zeinab Mohamed (CC BY-NC-SA 2.0)

„Genieße deine Jugend in Wien, denn Wien ist ein Garten aus dem Paradies“, lautet eine Strophe aus dem Lied. Ranim hat das wörtlich genommen und ist mit einem Teil seiner Familie angereist – 18 Personen! „Die anderen sind zu Hause geblieben“, erzählt er lächelnd. Auf die Frage, ob er denn das Lied kenne, antwortet ein Freund Ranims sofort: „Ja natürlich! Aber das ist eher etwas für ältere Leute“. Auf seinem iPod hat er es trotzdem.

Doch am Tourismus-Himmel über Wien ziehen erste dunkle Wolken auf. Die Angst vor der Schweinegrippe hat dem Tourismus aus dem arabischen Raum einen herben Dämpfer verpasst. Zudem beginnt der islamische Fastenmonat Ramadan, den die Araber zu Hause verbringen, heuer schon am 21. August – mitten in der Hochsaison. Und nicht zuletzt hält die Wirtschaftskrise den einen oder anderen Araber von einer Reise nach Wien ab. Zumindest Ranim bleibt den Wiener Geschäftsleuten als Gast erhalten. Ob er denn Österreich wieder besuchen wird? – „Bestimmt“, versichert er.

Veröffentlicht am 9. August 2010.
Titelbild: Foto vor der romantischen Kulisse Wiens – mit dieser Kampagne versucht Österreich, Touristen aus der arabischen Welt anzulocken. Foto: Maxum/Österreich Tourismus