Spaltung folgte Spaltung in Syrien – das Ergebnis: al-Kaida wurde vorerst marginalisiert. Jihadisten gibt es dennoch genug.

Manchmal übertrifft die Realität die Fiktion, manchmal sogar Monty Python. Vor dem Hintergrund des unmenschlichen und brutalen Bürgerkriegs in Syrien, vollzieht sich innerhalb einer Fraktion des Konfliktes – den radikal-islamischen Gruppieren – eine Spaltung nach der anderen. 

Die Geschehnisse haben bisweilen einen derart absurden Verlauf genommen, dass berühmte Szene aus dem Film “Das Leben des Brian” die Entwicklungen radikal-islamischer Gruppen in Syrien in den vergangenen zwei Jahren durchaus wiederspiegelt.


1. Die Ausgangslage


Eigentlich fand die al-Kaida in Syrien einen idealen Nährboden vor. Das brutale Regime von Bashar al-Assad mordete im ganzen Land, viele der gemäßigteren Rebellen stellten sich nicht nur im Kampf als wenig geschickt sondern auch als schlecht organisiert und korrupt heraus. Machtkämpfe innerhalb der bewaffneten oppositionellen Kräfte, Korruption und Chaos ließen das Ansehen der sogenannten gemäßigten bewaffneten Opposition unter der Bevölkerung auf einen Tiefpunkt sinken.

In diesem Machtvakuum konnten sich islamistische Gruppierungen besonders gut verbreiten. Wie zuvor schon im Jemen und auch im Irak, fanden gerade islamistische Gruppierungen u.a. wegen ihrer Disziplin und ihren nicht-militärischen Dienstleistungen bei der Zivilbevölkerung in Bürgerkriegsgebieten immer wieder Unterstützung.Darunter auch die Jabhat an-Nusra (“Siegesfront für die Einwohner der Levante”, جبهة النصرة لأهل الشام).

Treuer al-Jawlani

Der lokale Al-Kaida-Ableger in Syrien ab 2012 unter der Führung von Abu Mohammed al-Jawlani, blühte in mehreren Landesteilen regelrecht auf. Al-Jawlani war ursprünglich Stellvertreter von Abu Bakr al-Baghdadi, der im Irak den dortigen al-Kaida-Ableger (“Islamischer Staat im Irak”) anführte. Bald kam es zum Bruch zwischen al-Baghdadi und al-Jawlani. Unter al-Baghdadis Führung spaltete sich der irakische Al-Kaida-Ableger ab und nannte sich nach mehreren Rebrandings “Islamischer Staat” (IS).

Al-Jawlani blieb der Al-Kaida-Führung unter Ayman az-Zawahiri weiter treu. Jabhat an-Nusra war fortan der offizielle Vertreter der von Osama bin Laden gegründeten Organisation in Syrien.


2. Die Wende

Dann kam die russische Intervention: Durch das massive militärische Eingreifen Moskaus in Syrien kamen Assads Gegner – darunter auch islamistische Gruppen – in Syrien unter Druck. Das Land, das es unter den Rebellen zu verteilen gab, wurde immer weniger. Der Al-Kaida-Ableger war mitten drin und gleich dreifach unter Druck:

  1. Durch die Gebietsgewinne des Regimes auf Kosten der bewaffneten Opposition mit Unterstützung Russlands
  2. Gezielte US-geführte Luftangriffe gegen Al-Kaida-Führungskader in Syrien
  3. Durch den Vormarsch des “Islamischen Staates” (IS), der ebenfalls Großteils auf Kosten anderer oppositioneller Kräfte in Syrien ging

Dass der IS selbst einstmals aus einem Al-Kaida-Ableger im Irak entstanden ist, sollte ein böses Vorzeichen für die Jabhat an-Nusra in Syrien sein.

Einheitsgespräche

Unter dem Eindruck, dass sich in Syrien das Blatt zugunsten des Regimes wendet, kam es im Jänner 2016 zu Einheitsgepsrächen unter den syrischen Rebellen. Das Ausland hatte eine gewichtige Rolle mitzureden, denn je schwächer die bewaffneten Rebellen in Syrien selbst wurden, desto einflussreicher wurden ihre Unterstützer im arabischen Ausland. Eine Machtdynamik, die al-Kaida von Anfang an verhindern wollte. Denn viele der ausländisches Unterstützer, darunter auch die eine oder andere Regierung der Region, hatten zwar kein Problem mit Islamisten in einer vereinten Opposition, aber eine Gruppe mit Verbindungen zur al-Kaida galt damals und gilt bis heute als rotes Tuch.

Folglich scheiterten auch die Einheitsgespräche. Ein Zusammengehen mit al-Kaida hätte schlicht zu viele ausländische Unterstützer der bewaffneten Opposition in Syrien vergrault. Die Devise scheint zu lauten: Islamismus ja, Al-Kaida nein. Das Scheitern der Gespräche Anfang 2016, war nicht das erste Mal, dass eine einheitliche syrische Oppositionsfront wegen an-Nusras Verbindung mit der al-Kaida, scheiterte. Langsam aber sich war auch an-Nusras Führung klar: Die Verbindung zur al-Kaida war ein Problem. Der Beginn einer Ehekrise.


3. Der Kompromiss

Rückblickend betrachtet gab den Startschuss für die Scheidung von Jabhat an-Nusra und al-Kaida wohl ausgerechnet al-Kaida Chef Ayman az-Zawahiri selbst – ohne es zu Wissen. In einer Aufzeichnung vom Mai 2016 rief der Ägypter die Jihadisten in Syrien auf, sich zu vereinigen. Eine “muslimische Regierung” sei das Ziel, so az-Zawahiri. Formale Verbindungen (wie jene der al-Nusra mit al-Kaida), so deutete der al-Kaida-Chef an, seien bei Erreichen dieses Ziels nicht mehr entscheidend.

Ohne es zu wissen, entwickelte sich durch diese wohl unfreiwillig zweideutige Wortwahl innerhalb des syrischen al-Kaida-Ablegers eine Eigendynamik. Az-Zawahiri, der sich vermutlich im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet vor den Amerikanern versteckt hält, war zu weit weg um Einfluss auf die Situation in Syrien auszuüben.

Steigender interner Druck

Was sich in den folgenden Wochen innerhalb von Jabhat an-Nusra genau abgespielt hat, ist unklar. Aber offenbar führten der steigende interne Druck, die sich sich laufend verschlechternde Situation am Boden und die Ambivalenz in az-Zawahiris Audiobotschaft dazu, das al-Jawlani im Juli 2016 seinen Shura-Rat einberief um die weitere Vorgehensweise und die Verbindung mit al-Kaida zu besprechen. Thema dürfte dabei vor allem die Verbindung mit al-Kaida, die sich bei Einheitsgesprächen mit anderen Rebellen immer als Hinderniss dargestellt hat, aufzulösen.

Schenkt man überlieferten Schilderung glauben, die der Forscher Charles Lister sammelte,  ging der Shura-Rat ging zunächst im Streit auseinander. Damit war die Debatte aber nicht vorüber. Die Diskussionen gingen hinter verschlossenen Türen weiter. Raus kam ein Kompromiss: Jabhat an-Nusra würde seine Kontakte mit al-Kaida außerhalb Syriens einstellen, um so nach außen hin nicht als mit al-Kaida affiliert wahrgenommen zu werden. Gleichzeitig aber würden Kontakte mit al-Kaida-Kadern innerhalb Syriens bestehen bleiben. Dadurch könnte – so die Logik – das von az-Zawahiri ausgegebene Ziel einer gemeinsamen Islamischen Regierung in Syrien erreicht werden. Der Shura-Rat stimmte zu – mehrere Mitglieder allerdings nur unter einer Bedingung. Die Vorgabe dieser Jabhat an-Nusra-Fürhungskader war, dass az-Zawahiri dem Vorschlag zustimmen müsste.


4. Jabhat Fatah ash-Sham

Nun stand der scheinbaren Trennung nichts mehr im Wege: Im Sommer 2016 gab al-Jawlani die Auflösung von Jabhat an-Nusra und die Gründung der Jabhat Fatah ash-Sham (“Front für die Eroberung der Levante”, جبهة فتح الشام) bekannt. Al-Jawlani, der bis dahin als großes Mysterium galt, zeigte in der Videobotschaft der neuen Gruppe erstmals sein Gesicht. Jabhat Fatah ash-Sham (JFS) solle eine jihadistische Bewegung ohne externe Verbindungen sein, lautete die Botschaft. Ziel sei es, eine vereinte islamische Körperschaft in Syrien zu schaffen, um den Menschen im Land zu dienen und sie zu schützen, so der Tenor im Propagandavideo. In einer separat veröffentlichten Botschaft in englischer Sprache wurde die Neugründung als kompletter Bruch zur al-Kaida verkauft.

Al-Jawlanis Hoffnung dürfte gewesen sein, dass er mit dem scheinbaren Bruch mit der al-Kaida, syrische Oppositionelle überzeugen kann, endlich mit der Jabhat Fatah ash-Sham zu verschmelzen um ein vereintes islamistisches Projekt für Syrien voranzutreiben. Er hat die Rechnung aber ohne einiger seiner eigenen Unterstützer gemacht: Mehrere führende Kader, die den Bruch von der al-Kaida nicht mittragen wollten, kehrten der JFS empört den Rücken. Im September erhielt al-Jawlani einen Brief von az-Zawahiri, in dem er für seine Ungehorsamkeit heftig gescholten wurde, da die Abspaltung von der al-Kaida nicht von dieser genehmigt wurde.

Viele der Unterstützer, die ihre ursprüngliche Unterstützung auch von der Einwilligung der al-Kaida-Führung abhängig gemacht hatten, zogen nun auch ihre Unterstützung zurück.

Waffenruhe ohne Jabhat Fatah ash-Sham

Schlimmer noch: Die ursprüngliche Idee hinter dem Bruch mit der al-Kaida, nämlich andere oppositionelle Gruppen in Syrien für sich zu gewinnen und eine gemeinsam islamistische Front zu bilden, scheiterte kolossal. Viele Gruppen in Syrien schenkten dem angeblichen Bruch mit al-Kaida keinen Glauben. Damit nicht genug, unterzeichneten im September 2016 zahlreiche syrische Oppositionsgruppen eine Waffenruhe – ausgenommen davon war die JFS.

Al-Jawlani stand vor einem Trümmerhaufen. Der letzte Strohhalm: Im Dezember 2016 gab es erneut Gespräche über eine Verschmelzung. Diesmal zwischen der Jabhat Fatah ash-Sham und Ahrar ash-Sham, einer der wichtigsten bewaffneten Oppositionsgruppen in Syrien.

Obwohl die beiden Gruppen große ideologische Unterschiede trennten, war Ahrar ash-Sham bis dahin der engste und manchmal auch einzige Verbündete al-Jawlanis in Syrien. Doch im Lauf der Zeit wuchs die Distanz: Wie schon ähnliche Gespräche zuvor, scheiterte auch dieser Versuch des Zusammengehens der beiden islamistischen Gruppen.


5. Hay’at Tahrir ash-Sham

Die Gespräche zwischen Ahrar ash-Sham und JFS scheiterten nicht nur, Anfang 2017 brach sogar ein gewaltsamer Konflikt zwischen den beiden islamistischen Gruppen aus. Der interne Krieg der bewaffneten Islamisten war aber auch ein klärendes Gewitter, das nicht zum Nachteil der JFS verlief. Mehrere Einheiten beider Fraktionen wechselten die Seiten zum jeweiligen Gegner. Bis Ende Jänner 2017 konnte JFS so mehrere Tausend Kämpfer von Einheiten der Ahrar ash-Sham hinzugewinnen. Derart gestärkt entschloss man sich erneut zu einem neuen Markenauftritt : Am 28. Jänner 2017 wurde die Gründung der Hay’at Tahrir ash-Sham (“Organisation zur Befreiung der Levante”,  هيئة تحرير الشام ) bekanntgegeben.

Die Gründung der Hay’at Tahrir ash-Sham (HTS) war wohl auch der Zeitpunkt, ab dem al-Kaida und al-Jawlani endgültig getrennte Wege gingen. Al-Kaida betrachtete al-Jawlani von nun an als Abtrünnigen, der seinen Treueschwur (Baya, بَيْعَة‎) gebrochen hatte. Obwohl HTS tausende neue Kämpfer dazugewinnen konnte, gab es in der Führungsspitze weitere Abgänge, die den Bruch mit al-Kaida nicht mittragen wollten.

Isoliert

Auch innerhalb der anderen bewaffneten Rebellengruppen war HTS nun endgültig isoliert – die letzten Kontakte abgebrochen. Die von nun an verfeindeten Rebellengruppen ersannen auch einen neuen Namen für HTS. Al-Jawlanis Gruppe wurde fortan “Hitish” genannt – eine spöttische Anspielung auf den verhassten “Islamischen Staat”, der auch “Daish” bezeichnet wurde. Demonstrationen gegen “Hitish” standen auf der Tagesordnung.

Doch obwohl die Trennung zur Unzeit kam und der externe Druck auf jihadistische Gruppen in Syrien unvermindert stark war, etablierte sich HTS nach erfolgreichen Kämpfen gegen Ahrar ash-Sham im Sommer 2017 als dominante islamistische Kraft im Nordwesten Syriens. Eigenen Angaben zufolge kontrolliert die erstarkte HTS derzeit bis zu 25 Dörfer in den Provinzen Aleppo und Idlib. Diese Kontrolle über Gebiete erlaubt der Gruppe auch das Einheben von Steuern auf Güter und Menschen, die passieren wollen – eine wichtige Einnahmequelle für die extremistische Organisation. Brett McGurk, US-Gesandter für die internationalen Koalition im Kampf gegen den “Islamischen Staat”, nannte Idlib “den größten sicheren Hafen der al-Kaida seit dem 11. September.”


6. Die neue al-Kaida

Sollten noch Zweifel bestanden haben, dass al-Jawlanis Kämpfer und die al-Kaida endgültig getrennte Wege gehen, überreichte al-Kaida-Chef Ayman az-Zawahiri Ende 2017 die Scheidungspapiere. Zunächst wurde am 4. Oktober eine Rede az-Zawahiris veröffentlicht, in der er über dem Bruch der Ba’ya – dem Treueschwur, den unter anderem al-Jawlani geleistet hat – lamentiert, ohne den HTS-Anführer direkt zu nennen.

Im November 2017 kritisierte az-Zawahiri Hay’at Tahrir ash-Sham schließlich öffentlich und direkt und verurteilte die “Verletzung der Vereinbarungen”. Organisatorisch war es der offizielle Schlusspunkt des Konfliktes; Menschlich traten bis zum Herbst 2017 nun die internen Querelen innerhalb der verschiedenen al-Kaida-Fraktionen in Syrien an die Oberfläche. Ehemalige Jabhat an-Nusra-Kader und al-Kaida-Befürworter und al-Jawlani-Loyalisten deckten sich öffentlich mit gegenseitigen Schuldzuweisungen ein.

Zahlreiche neue Gruppen

Und al-Kaida? Die einst so mächtige radikal-islamische Organisation mit Ablegern in vielen Teilen der Arabischen Welt stand plötzlich ohne Filiale in Syrien da. Doch trotz des Zerwürfnisses mit al-Jawlani wollte man das für den Jihadismus so wichtige Land nicht aufgeben. Zu attraktiv schienen die Möglichkeiten in der Levante für den globalen Jihad zu sein. Wenige Tage nach der Stellungnahme az-Zawahiris im Oktober, wurde online die Gründung der Gruppe Ansar al-Furqan fi-Bilad ash-Sham bekannt gegeben. Die Gruppe, so die Botschaft, würde loyal zum Islam sein, wo andere Distanz gesucht hätten. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei der Gruppe um eine Abspaltung von ehemaligen HTS-Mitgliedern handelt, die mit al-Jawlanis Kurs unzufrieden waren. Entsprechend reagierte auch HTS: Der interne Sicherheitsapparat der Gruppe begann mit Verhaftungen im Raum Idlib.

Dabei sollte es nicht bleiben. Bis März 2018 poppten zahlreiche neue Gruppen auf diversen Online-Kommunikationskanälen auf, die alle für sich beanspruchen, al-Kaida in Syrien zu repräsentieren. Ende 2017/Anfang 2018 tauchten die beiden Gruppen Jaysh al-Badiye und Jaysh al-Malahem auch offline, auf den Schlachtfeldern in Nordwest-Syrien auf. Im Februar wurde die Gründung der Jund ash-Sharia bekannt gegeben. Allen wird ein Verhältnis zu diversen al-Kaida-Gründern nachgesagt. Laut Tore Refslund Hamming, ist am wahrscheinlichsten, dass die Gruppe Tandhim Hurras ad-Din die neue Repräsentanz der al-Kaida in Syrien ist.

Allen Spaltungen zum Trotz: Al-Kaida gibt sich offenbar nicht geschlagen.

Autor: Stefan Binder.
Veröffentlicht am 26.4.2018
Titelbild:  Abu Mohammed al-Jawlani (Mitte), Anführer der Jabhat an-Nusra, gibt die Gründer der Fatah ash-Sham bekannt (Screenshot: Youtube)

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