Durch die Unruhen im Jemen und verstärkter Jihadisten-Propaganda rückt die “al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel” in den Mittelpunkt des westlichen Interesses.

Demonstrationen, Unruhen, Tote und inmitten dieses Konfliktes neue Propagandanachrichten von Jihadisten. Schon im Oktober vergangenen Jahres hielten mehrere UPS-Pakete mit explosivem Inhalt den Westen im Atem. Als Urheber der vereitelten Anschläge wird  immer wieder eine Organisation genannt: Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel. Doch wer steckt hinter dem Namen.

Außer Streit steht: Von den zahlreichen al-Kaida Ablegern, die es mittlerweile von Marokko bis Pakistan gibt, ist die AQAP (English: al-Qaida in the Arabian Peninsula) zweifelsohne die Aktivste. Wenig verwunderlich, sitzt doch der Kern al-Kaidas rund um Osama bin Laden in den Bergen Pakistans fest. Auch im Irak sind Islamisten seit geraumer Zeit auf dem Rückzug.

Rückzugsgebiet Jemen

Begonnen hat alles 2003, als ein al-Kaida Ableger für Saudi Arabien gegründet wurde. Ziel war und ist es bis heute die saudische Königsfamilie zu stürzen und ein islamisches Kalifat zu errichten. Die Islamisten werfen dem saudischen Regime Heuchelei vor: Einerseits erhebt es den Anspruch, Hüter der heiligen Stätten von Mekka und Medina zu sein, auf der anderen Seite ist die saudische Königsfamilie enger Verbündeter der verhassten USA. Doch den saudischen Behörden gelang es den al-Kaida-Ableger durch zahlreiche Offensiven beinahe vernichtend zu schlagen. Die wenigen, die die massiven Angriffe überlebten, schlugen sich in den Jemen durch.

In dem Land, das von Armut, Hungersnöten, Tribalkonflikten und Wassernot gebeutelt ist, fanden sie das perfekte und für Terroristen sehr nahrhafte Rückzuggebiet. Unterstützung bekam die Organisation durch einen spektakulären Gefängnisausbruch von rund zwei Dutzend al-Kaida Kämpfern aus einem Gefängnis in Jemens Hauptstadt Sanaa. Unter den Geflohenen war auch Nasser al-Wuhayschi – heute Anführer der al-Kaida auf der arabischen Halbinsel. Unter seiner Führung wurde die Organisation wieder aufgebaut und seit September 2006 werden wieder regelmäßig Terroranschläge auf Ölanlagen, westliche Ziele und Touristen verübt. Im Jänner 2009 schlossen sich die saudischen und jemenitischen Extremisten zusammen – die “al-Kaida auf der arabischen Halbinsel” war geboren.

Drohnenkrieg

Wie eng die Verbindungen zur ursprünglichen al-Kaida von Osama bin Laden sind, ist nicht genau bekannt. Geheimdienste gehen davon aus, dass al-Wuhayschi, der Unterstützer und lange Zeit Wegbegleiter von Osama bin Laden war, engen Kontakt zur Mutterorganisation pflegt. Dafür spricht auch, dass der Zusammenschluss der jemenitischen und saudischen al-Kaida von Ayman az-Zawahiri, Stellvertreter Bin Ladens, in einer Videobotschaft begrüßt wurde.

Die Anschlagsversuche auf westliche Ziele – zuletzt sorgte der sogenannte “Unterhosenbomber” für Aufregung- haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Der Westen – allen voran die USA – sind auf die neue Bedrohung im Jemen aufmerksam geworden. Lediglich die Reaktion darauf scheint fragwürdig: Drohnenangriffe gegen vermeintliche Stellungen der al-Kaida im Jemen, die oftmals ihr Ziel verfehlen und zahlreiche zivile Opfer fordern – kontraproduktiv, wie Experten meinen. Die Angriffe gießen zusätzlich Öl ins Feuer und sorgen zudem für regen Zulauf zu den Jihadisten.

Autor: Stefan Binder.
Veränderte Version erschien am 31. Oktober 2010 auf KURIER.at.
Titelbild: Anführer der “al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel” (v.l.n.r.): Abu Hurayra Qasim al-Raymi, Said Ali al-Shihri, Abu Basir Nasir al-Wuhayshi, Abu Hareth Muhammad al-Awfi