Tägliche Todesmeldungen aus Syrien lassen die Zerstörung von Gebäuden als Kollateralschaden erscheinen. Doch mit dem Verlust dutzender Kulturdenkmäler verschwinden immer öfter Spuren tausendjähriger Geschichte

Ein riesiges Loch klafft in der Decke der Kathedrale Umm al-Zinar in Homs. Mehrere Granaten sind in der Kirche, die zu den ältesten der Welt zählt, eingeschlagen. Schwarze Brandspuren auf den Mauern, dessen Ursprünge auf das erste christliche Jahrhundert zurückgehen, zeugen von dem Feuer, das folgte. Es ist bei weitem nicht das einzige Gebäude aus dem kulturellen Erbe Syriens, das Opfer des syrischen Bürgerkriegs wurde. Zu zerstören gäbe es an historisch Bedeutendendem in Syrien genug. Kaum eine Hochkultur, die hier nicht ihre Spuren hinterlassen hätte.

Zerstörte Kirche in Homs
Die Aufnahmen vom 24. Juni zeigen schwere Schäden an der römisch-katholischen Kirche in Homs. (Foto: Adasa Shab Homsi)

Sechs Weltkulturerbestätten kann der „Schmelztiegel der Zivilisationen“ sein Eigen nennen. Sumerer, Aramäer, Phönizier, Hethiter, Griechen, Römer und Byzantiner hinterließen Städte, Malereien, Schätze und Traditionen. Die Umayyaden – die erste große islamische Herrscher-Dynastie – drückten dem Land ebenso ihren Stempel auf wie die Kreuzfahrer, die einige der größten Burgen in der heutigen Syrischen Arabischen Republik errichteten. Doch dieses gewaltige historische Erbe ist durch den Bürgerkrieg zwischen Rebellen und Anhängern von Staatspräsident Bashar al-Assad gefährdet.

Unabhängige Informationen über das wahre Ausmaß der Schäden sind derzeit Mangelware. Internationale Organisationen, die sich dem Schutz von archäologischen Stätten verschreiben, können derzeit nicht in Syrien arbeiten. Diese Lücke versuchen mehrere privat geführte Portale und Facebook-Seiten zu füllen. Eine detaillierte Zusammenfassung all dieser Informationen hat die britische Wissenschaftlerin Emma Cunliffe in einem 55-seitigen Bericht erstellt, der vom Global Heritage Fund veröffentlicht wurde. Syrien, sagt Cunliffe im Interview mit derStandard.at, sei dank seiner geografischen Lage „jahrtausendelang in der Mitte verschiedener Zivilisationen“ gelegen, deren Spuren sich durch das trockene Klima bis heute gut erhalten haben.

Schäden durch Besatzung

Die Appelle, dieses Erbe zu schützen, bleiben jedoch meist ungehört. Cunliffe, die sich in einem mehrjährigen Projekt an der Universität Durham mit der Zerstörung archäologischer Anlagen in der Region beschäftigt, nennt in ihrem Bericht viele Ursachen für die Schäden. Besetzungen von Ausgrabungsstätten durch Teile der Armee oder bewaffnete Gruppen haben sich als besonders schädlich herausgestellt: „Die Soldaten kennen oftmals nicht die kulturelle Bedeutung des Ortes und nehmen häufig Souvenirs mit oder beschießen Ausgrabungen.“ Sollten die Besatzer die Anlage nicht bereits schwer beschädigt haben, erledigt oft die Gegenseite den Rest. Besetzte Gebäude, so Cunliffe, werden häufig Ziel von gegnerischen Angriffen – Rücksicht auf die historische oder kulturelle Bedeutung wird dabei keine genommen.

Anschaulich zu sehen ist das bis dato an der Hisn al-Akrad, die vielen Touristen als „Krak des Chevaliers“ ein Begriff ist. Die Kreuzfahrerburg ist nicht nur die größte, sondern auch eine der am besten erhaltene ihrer Zeit. Ihre strategische Position, von der aus man an wolkenfreien Tagen problemlos in den Libanon blicken und Schmuggelrouten nach Tripolis einsehen kann, hat die Burg zu einem attraktiven Standort für Rebellen gemacht. Die Folgen sind – neben offensichtlichen Verwüstungen durch die Besatzer – Beschuss durch Maschinengewehre und Granaten.

Schützengräben und Wohnhäuser

Knapp 100 Kilometer nördlich, im antiken Apameia, zeigen Amateuraufnahmen ein noch dramatischeres Bild. Nachdem die rund 200 Hektar große archäologische Anlage im März Opfer von Artilleriebeschuss wurde, zeigen seither syrische Truppenteile wenig Skrupel, ihre Fahrzeuge und Panzer durch die geschützten Stätten zu fahren. Kein Einzelfall, wie Cunliffe meint: „In einigen Fällen graben sogar Bulldozer Schützengräben inmitten von historisch bedeutenden Anlagen.“

Video: Bombardement des antiken Apameia

Neben Kämpfern bedrohen aber auch einige findige Bauherren archäologische Anlagen. Eine Kontrolle der Stätten ist in vielen Fällen schlicht zu gefährlich geworden. Das ermöglicht das ungestörte Nutzen von Ruinen als billige Steinbrüche oder Bauland. Das Problem existierte schon lange vor dem Aufstand, doch der Zusammenbruch zentraler Sicherheitsstrukturen ließ die illegale Bautätigkeit florieren. Bebauungen stellen dabei ein besonderes Problem dar: Denn sind Menschen in die illegal errichteten Häuser erst einmal eingezogen, so Cunliffe, „ist es sehr schwer, sie da wieder herauszubekommen“.

Religiöser Konflikt

Selbst religiöse Orte wie Kirchen und Moscheen bleiben von der Gewalt nicht verschont. Ganz im Gegenteil: „Der Konflikt“, so Cunliffe, „wird verstärkt auch auf religiöser Ebene ausgetragen. Einem Bericht aus Homs zufolge haben Kräfte der Freien Syrischen Armee bewusst die christlichen Teile der Stadt besetzt, weil die christliche Minderheit als Unterstützer Assads wahrgenommen wird.“

Zerstörtes Stadtviertel in Homs
Das Homser Stadtviertel Bab al-Dreb wurde ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Zahlreiche teils jahrhundertealte Gebäude wurden schwer beschädigt. (Foto: Adasa Shab Homsi)

Die Schäden, die durch diese Besatzung und den folgenden Angriff von Regierungstruppen verursacht wurden, sind enorm. Dabei geht es nicht mehr nur um die Zerstörung von Gemäuern. Mit dem Vernichten von Kirchen, Moscheen und antiken Stätten werden oftmals auch Traditionen in Mitleidenschaft gezogen. Die Bewohner müssen oft ohnmächtig Zeugen der Verwüstung ihres religiösen oder kulturellen Mittelpunkts werden. „Die meisten Syrer sind stark mit ihrem historischen Erbe verbunden“, meint der Archäologe Rodrigo Martín Galán, der zusammen mit anderen Wissenschaftlern die Facebook-Gruppe „Le patrimoine archéologique syrien en danger“ betreibt und viele Informationen von Syrern vor Ort bezieht. „Es ist ein Bewusstsein für Geschichte und ihre Bedeutung vorhanden“, so Galán im Gespräch mit derStandard.at.

Museale Raubzüge

Dabei hat nicht nur der Konflikt in Syrien selbst Auswirkungen auf die Geschehnisse. Syrische Museen sind derzeit laufend Opfer von regelrechten Raubzügen nach antiken Schätzen. Angetrieben werden diese Beutezüge weniger durch die Gier der lokalen Bevölkerung als durch die stark steigende Nachfrage nach Artefakten außerhalb des Landes. Viele Diebstähle scheinen gut organisiert, die unterfinanzierte Antiquitäten-Behörde Syriens ist ob des Chaos und des Zusammenbruchs zentraler Sicherheitsstrukturen machtlos.

Auch archäologische Stätten wie das riesige Gelände des antiken Palmyra werden Opfer einer stetig steigenden Zahl von Diebstählen. Wenig verwunderlich, wenn man die Preise für teils winzig kleine Statuetten aus Syrien kennt. „Der Schwarzmarkt für derartige Artefakte ist riesig“, sagt Cunliffe. Die Problematik kenne man bereits aus Ägypten und dem Irak. Cunliffe: „Man begreift erst langsam, was für ein großes Problem dieser Schwarzmarkt für gestohlene Artefakte weltweit darstellt. Vermutet wird, dass er finanziell mittlerweile nur mehr von der Kidnapping- und Schutzgeld-Industrie übertroffen wird.“

Eine Version dieses Artikels erschien am 16. Juli 2012 auf derStandard.at.
Links:
Facebook-Gruppe: Le patrimoine archéologique syrien en danger
Fotos: Lens Young Homsi