Die Türkei interveniert in Libyen an der Seite der Regierung der Nationalen Einheit unter Fayez al-Sarraj. Ihr Gegenüber steht die Libysche Nationalarmee, die wiederum von mehreren Arabischen Staaten unterstützt wird.

Nun also die Türkei: Das Land am Bosporus schickt Soldaten nach Nordafrika. In Libyen tobt seit dem Sturz von Langzeitdiktator Muammar al-Gaddafi (معمر القذافي) ein blutiger Bürgerkrieg. Hinter den  verschiedenen Kriegsfraktionen stehen unterschiedliche Staaten – von Russland über die USA bis hin zu europäischen Mächten. Die von den Vereinten Nationen anerkannte Regierung der Nationalen Einheit unter Führung von Fayez al-Sarraj ( فائز السراج‎) hat alles andere als ein vereintes Land hinter sich. Nur mit Mühe und Not konnte 2019 verhindert werden, dass die Truppen der Gegenregierung von General Khalifa Haftar (خليفة بلقاسم حفتر ) die Hauptstadt Tripolis überrennen.

Der Kampf ist alles andere als vorbei – im Gegenteil. In jüngster Zeit sind die Kämpfe wieder eskaliert. Deswegen ist nun die Türkei eingesprungen, um die Regierung in Tripolis militärisch zu unterstützen: Neben gepanzerten Fahrzeugen sollen auch Drohnen geliefert werden. Anfang des Jahres 2020 hat das türkische Parlament seine Zustimmung gegeben, auch Truppen in das Land zu schicken.

Zuvor hatte Katar diese Rolle übernommen. Doha spielte eine wichtige finanzielle und militärische Rolle beim Umsturz von Ex-Diktator Gaddafi, hat sein Engagement aber schrittweise zurückgefahren – auch, weil das Land am Golf für seine Unterstützung von Gruppen, die den Muslimbrüdern nahe stehen, selbst unter Druck gekommen ist (siehe dazu: Wie man aus einer Halbinsel eine Insel macht).

Diese Rolle hat die Türkei übernommen. Ankara ist seit der Gründung der Regierung der Nationalen Einheit im Jahr 2015 einer ihrer größten Unterstützer. Die nunmehrige Initiative folgt auf die Unterzeichnung zweier Abkommen zur engeren Sicherheitskooperation zwischen der Türkei und Tripolis im November. Für die Türkei hat das Engagement in Libyen regionalpolitische Bedeutung: Spielt das Land in Libyen eine bedeutende Rolle, sitzt die Türkei bei Fragen zum Mittelmeerraum am Tisch. Kann General Khalifa Haftar die Oberhand gewinnen, droht das Gegenteil. Außerdem positioniert man sich so für die attraktiven Schürfrechte im ölreichen Land.

Demgegenüber stehen gleich mehrere wichtige Arabische Staaten (neben den Nachbarstaaten Algerien und Tunesien), die in Libyen ihren Stellvertreter-Konflikt mit der Türkei und Katar ausfechten:

Fahne der Vereinigten Arabischen Emiraten

Die Vereinigten Arabischen Emirate

Das kleine, aber militärisch potente Land am Golf gilt als Hauptunterstützer von General Haftar. Trotz UN-Waffenembargo beliefern die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) Haftars Truppen mit modernen Waffen. Zum Beispiel wurde das ursprünglich russische Luftabwehrsystem Patnsir S1 laut einem UN-Bericht mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Emiraten geliefert.

Haftars libysche Nationalarmee (LNA) ist auch von der Luftunterstützung der VAE abhängig. Dafür wurde im Nordosten des Landes eine eigene Luftwaffenbasis eingerichtet. Für die VAE ist Haftar ein Partner gegen die Ausbreitung des islamistischer Kräfte – allen voran der Muslimbruderschaft – in der Region.

Ägypten

Die Abneigung gegenüber den Muslimbrüdern ist auch der Grund, warum Ägypten die Truppen von Haftar unterstützt. Schließlich kam Präsident Abd el-Fattah el-Sisi (عبد الفتاح السيسي) durch einen Militärputsch, der den Muslimbruder Mohamed Morsi (محمد محمد مرسي) gestürzt hat, an die Macht. In Ägypten sind die Muslimbrüder als Terrororganisation eingestuft.

Aber auch strategische Gründe sprechen aus Kairos Sicht für eine Unterstützung Haftars. Die Truppen des Generals haben es geschafft, bewaffnete Gruppen im Osten Libyen teilweise in die Schranken zu weisen. Dass sowohl el-Sisi als auch Haftar aus dem Militär kommen, dürfte beim gegenseitigen Verständnis auch nicht schaden. Haftar hat noch dazu einen Teil seiner militärischen Ausbildung in Ägypten erhalten.

Darüberhinaus ist fraglich, ob Ägypten überhaupt eigenständig anders entscheiden könnte. Das Land steckt in einer wirtschaftlichen Krise und ist von der finanziellen und wirtschaftlichen Unterstützung der Golf-Staaten abhängig.

Saudi-Arabien

Selbstverständlich steht auch Saudi-Arabien auf der Seite von Haftars Truppen. Laut Wall Street Journal bot das ölreiche Land am Golf Haftars Offensive in Tripoli im März 2019 zu finanzieren. Inzwischen dürfte der Fokus aber vor der eigenen Haustüre liegen. Saudi-Arabien ist im benachbarten Jemen in einem blutigen Konflikt verwickelt.

Fahne des Sudan

Sudan

Der Sudan ist ein oft vergessener Player in Libyen. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen wurden aus dem Land aber rund 1000 Mann ins Land gesandt – trotz UN-Sanktionen. Laut einem Bericht der britischen Tageszeitung “Guardian” vom Dezember sollen sogar 3.000 sudanesische Söldner an der Seite von General Haftars Truppen kämpfen.

Autor: Stefan Binder.
Veröffentlicht am 19.1.2019
Titelbild: pixabay

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