Der Immobilienmarkt des Libanon erlebt einen gefährlichen Abschwung – die Auswirkungen drohen auf andere Sektoren der schwächelnden Wirtschaft überzugreifen. 

Tagsüber scheint auf den ersten Blick im Stadtzentrum von Beirut alles in bester Ordnung zu sein. Die im Bürgerkrieg hart umkämpfte und schwer beschädigte Altstadt wurde renoviert bzw. wiedererrichtet, in den sauberen Straßen und Fußgängerzonen wurden hochpreisige Boutiquen, noch teurere Hotels und für Normalverdiener unleistbare Appartements errichtet. Flankiert wird das noch nicht abgeschlossene Rekonstruktions- und Wiederaufbauprojekt im Stadtzentrum von modernen Hochhäusern mit noch mehr Luxuswohnungen.

Doch sobald die Sonne untergeht, wird eine seit Monaten schlummernde Krise sichtbar. Denn sowohl in den Hochhäusern als auch in der steril wirkenden Altstadt wird es dann zappenduster. Das Areal gleicht einer Geisterstadt. Schon bisher waren viele der Wohnungen, die vornehmlich von reichen Golf-Arabern oder Auslandslibanesen gekauft wurden, nur wenige Monate im Jahr bewohnt. Immer öfter werden die Luxusappartements aber gar nicht mehr verkauft, halbe Hochhäuser stehen inzwischen leer.

“Licht aus”: Des Nächstens wird es in Beiruts steriler Innenstadt zappenduster. Foto: Flickr/rabiem22 (CC BY 2.0)

Der Libanon steckt in einer Immobilien-Krise. Grundstückspreise sind laut der libanesischen Audi-Bank im ersten Halbjahr um 17 Prozent gefallen, Baugenehmigung um 23 Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit 2009. Der noch immer andauernde Konflikt im benachbarten Syrien, das Fehlen einer Regierung und der Abschwung der Ölpreise haben defacto zu einer Stagnation des Wirtschaftswachstums in dem kleinen Mittelmeerstaat geführt. Der Abschwung im Immobilienmarkt könnte dem Land nun den Rest geben.

Erfolgsstory

Dabei war gerade der Wiederaufbau Beiruts einer der Erfolgsstorys des Nachkriegslibanon. Dementsprechend größer ist die Bedeutung der Immobilienbranche im Land als anderswo. Schätzungen gehen davon aus, dass er zu rund 15 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes beiträgt.

Eine bedeutende Rolle beim Aufstieg des Immobiliensektors spielte die libanesische Diaspora. Im Zedernstaat selbst leben nur rund 4,5 Millionen Libanesen, ihre Zahl außerhalb des Landes wird auf ein vielfaches geschätzt. Neben vermögenden Gästen aus den Golfstaaten war es vor allem diese Gruppe, die für den Immobilienboom im Land verantwortlich war.

Ende des Booms

Nun droht die Immo-Party jedoch ein jähes Ende zu nehmen. Der Bürgerkrieg im benachbarten Syrien hat die Lage am Immobilienmarkt zuletzt verschärft. Dabei hatte der Syrien-Krieg zunächst nicht nur negative Effekte am  libanesischen Immobilienmarkt – im Gegenteil. Rund 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge strömten in den Libanon. Nicht alle davon waren arm. So mancher Immobilienmakler machte mit reichen Syrern gute Geschäfte.

Die durch den Krieg ausgelöste Flüchtlingskrise kostete aber letztlich weit mehr als sie vereinzelten Sektoren der Wirtschaft brachte. Schätzungen gehen von Kosten von bis zu 18 Milliarden US-Dollar aus.

Nicht nur negative Auswirkungen

Der Kollaps der Ölpreise 2014 tat sein übriges: Reiche Investoren und Touristen aus den Golfstaaten, die im Immobilienmarkt Libanons die wichtigste Käuferschicht sind, blieben zunehmend aus. Und wenn sie dennoch kommen, kaufen sie immer seltener.
Die Krise am Wohnungsmarkt wurde nur noch tiefer, nachdem die Regierung Subventionen für Kredite für Libanesen mit geringerem Einkommen für den Immobilienankauf stoppte.

Doch nicht alle sehen die Abwärtsspirale in den Immobilienpreisen mit großer Sorge. Der Ökonom Jihad El-Hokayem meint etwa in der Zeitung an-Nahar, dass Libanons Wirtschaft davon letztlich sogar profitieren könnte: Andere Teile der Wirtschaft, die bisher unter der Last der hohen Preise gelitten hätten, könnten aufblühen, so El-Hokayem.

Ketteneffekt

Auf den Straßen Beiruts ist davon allerdings nichts zu spüren. Denn die Folgeeffekte der Immo-Krise sind auch außerhalb der Branche zu spüren. Immobilienentwickler begleichen ihre Außenstände mit Firmen und Arbeitern immer öfter nur mehr verzögert. In manchen Fällen auch gar nicht. Sichtbar wird das im Stadtbild Beiruts. Nicht nur in der Innenstadt, auch in den benachbarten Bezirken, haben immer mehr Läden ihre Rollläden dauerhaft runtergezogen. An manchen Ecken der Stadt gibt es inzwischen mehr “Zu vermieten”-Schilder als Geschäfte.

Mieter gesucht: Immer mehr Läden suchen neue Vermieter – nicht nur in der Innenstadt. Foto: Stefan Binder

Das notorisch dysfunktional politische System des Landes verschärft die Lage zusätzlich. Seit mehr als einem halben Jahr wartet das Land auf eine neue Regierung. Auf  ein neues Parlament musste das Land zuvor fast ein Jahrzehnt warten, nachdem die Wahlen immer und immer wieder verschoben wurde. (siehe dazu: Wahlen im Libanon – the good, the bad, the ugly)

Trotz einer gut ausgebildeten Bevölkerung, leidet das Land unter einer vergleichsweise primitiven Infrastruktur, Stromausfälle sind an der Tagesordnung und in den vergangenen Jahren hat sich immer wieder der Müll in den Straßen aufgetürmt, weil Investitionen in die Müllverarbeitung Jahr für Jahr hinausgeschoben wurden.

Mehr als 30 Prozent Arbeitslosigkeit

Doch wurschtelte man sich bisher gekonnt durch eine für andere Länder untragbare Situation, droht dem Libanon nun immer mehr der wirtschaftliche Total-Kollaps. Die öffentliche Verschuldung wird bis Ende des Jahres 155 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen. Eine Arbeitslosenquote jenseits der 30 Prozent, gepaart mit einer international Topplatzierung im Korruptionsranking geben dem Abschwung des Immobiliensektors eine ganz andere Brisanz.

Sollte bald keine neue Regierung gebildet sein, droht das Land 11 Milliarden Dollar an Notfallkrediten und Garantien zu verlieren, die die internationale Staatengemeinschaft im April beschlossen hat, um den Zedernstaat unter die Arme zu greifen.

Preise purzeln

Wer angesichts dieser dunklen Wolken auf Onlineportalen nach Schnäppchen bei den Immobilienangeboten Ausschau hält, sucht jedoch vergeblich. Krise hin, Krise her – nach außen hin geben sich die geschäftigen Makler entspannt. Erst wenn man persönlich bei ihnen vorspricht, fallen die Preise ins bodenlose.

Autor: Stefan Binder.
Veröffentlicht am 8.12.2018.
Titelbild: Ahmad Moussaoui (CC BY 2.0)

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