Mit Sherine Abdel-Wahab ist erneut eine ägyptische Sängerin angeklagt worden. Die Gründe für Anklagen und Verurteilungen von Künstlern sind bisweilen bizarr.

Die Repression in Ägypten unter Staatspräsident Abd al-Fatah al-Sisi nehmen immer bizarrere Formen an: Nun hat es eine der berühmtesten Sängerinnen des Landes, Sherine Abdel-Wahab, getroffen. Sie wurde diese Woche zu sechs Monaten Haft verurteilt. Ihr Verbrechen: Sie machte einen Witz über den Nil.

Die Sängerin und Jurorin in der der Musik-Casting-Show “The Voice Ahla Sawt” (MBC) wurde im November angeklagt, nachdem ein Video von ihr aufgetaucht ist, in dem sie gefragt wird das Lied “Mashrebtesch men nilha” (“Hast du aus dem Nil getrunken”) zu singen. Sie antwortete, dass wenn sie aus dem Nil trinken würde, sie wohl Schistosomiasis bekommen würde. “Trink stattdessen Evian”, scherzte die 37-Jährige.

Den Behörden war nicht zu Scherzen zumute: Sie wurde von einem Gericht in Kairo zur Zahlung von 5000 ägyptischen Pfund (rund 230 Euro ) als Sicherstellung und 10.000 Pfund als Strafe verurteilt. Bis zu ihrer Berufungsverhandlung bleibt sie damit auf freien Fuß.

Schistosomiasis, auch Bilharziose genannt, war lange Zeit eine weit verbreitete Krankheit in Ägypten. In tropischen und subtropischen Region verbreiten sich Larven im Frischwasser, die bei Infektion eines Menschen im betroffenen Körper zu Würmern heranwachsen. Die Krankheit wurde im vergangenen Jahrhundert erfolgreich zurückgedrängt.

Zu den rechtlichen Problemen gesellen sich auch künstlerische: Die Kammer der ägyptischen Musikindustrie verhängte ein Auftrittsverbot über Abdel-Wahab wegen ihres “ungerechtfertigten Spott gegen unser geliebtes Ägypten.”

Entschuldigung

Die strafrechtlichen und künstlerischen Konsequenzen vor Augen entschuldigte sich die Sängerin für ihren Witz, den sie eigenen Angaben zufolge bei einem Konzert in den Vereinigten Arabischen Emiraten machte. “Mein geliebtes Ägypten und Söhne meines Landes: Ich entschuldige mich bei euch allen aus tiefsten Herzen für Schmerz, den ich verursacht habe”, schrieb sie in einem Facebook-Eintrag.

Die Anklage gegen Abdel-Wahabs folgte auf die Verhaftung einer weiteren Sängerin. Laila Amer wurde im Jänner wegen eines Videos für ihr Lied “Bos Ommak” (“Schau auf deine Mutter”) festgenommen. In dem Video machte Amer laszive Bewegungen, laut ägyptischen Behörden “Anstiftung zur Ausschweifung”. Der Regisseur des Videos wurde bereits zu sechs Monaten Haft verurteilt, ein Darsteller in dem Video fasste drei Monat Haft aus.

Die Inhaftierung der vergleichsweise weniger bekannten Laila Amer folgte wiederum auf den Schuldspruch gegen den ägyptischen Star Shaimaa Ahmed – besser bekannt als Shyma. Sie wurde im Dezember 2017 zu zwei Jahren Haft verurteilt, nachdem sie in einem ihrer Musikvideos eine Banane auf – für ägyptische Behörden – besonders provokante Art aß.

Gemeinsam mit dem Regisseur wurde sie wegen “Anstiftung zur Ausschweifung” und der Veröffentlichung eines “unanständigen Films” für schuldig befunden. In der Berufungsverhandlung wurde ihre Strafe auf ein Jahr Haft reduziert.

Dass Künstler verurteilt werden, ist in Ägypten keine neue Entwicklung. Bereits 2015 wurden Tänzer in Musikvideos wegen Moralvergehen verhaftet. Die Anzeigen und Verurteilungen gewannen in den vergangenen Monaten aber an Fahrt. Sollte die Geschwindigkeit anhalten, dürften Ägypten, das nach wie vor die arabischen Musikindustrie dominiert, bald die Sängerinnen ausgehen.

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Autor: Stefan Binder.
Veröffentlicht am 2.3.2018.
Titelbild: Screenshot Youtube


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