Nach massiven Druck durch die libanesischen Behörden musste die diesjährige Pride-Week in Beirut abgesagt werden.

Es war eine Anomalie in der Arabischen Welt: Vergangenes Jahr wurde im Libanon zum ersten Mal in einem arabischen Land die Pride Week, ein farbenfrohes Fest der LGBT-Community, gefeiert. Selbst Drohungen von Islamisten, von denen es im Libanon genügend gibt, konnten die Veranstaltung in Beirut nicht aufhalten. Mehr als 4.000 Menschen nahmen an der rund eine Woche dauernden Veranstaltung teil.

Diese Jahr nahm das Fest jedoch ein abruptes Ende. Laut Hadi Damien, dem Organisator der Beirut Pride, wurde er Anfang der Woche, zwei Tage nachdem das neuntägige Fest begann, von Behörden unter Druck gesetzt und zur Absage aller weiteren Feierlichkeiten und Veranstaltungen gezwungen.

Der Libanon gilt zwar als einer der tolerantesten Staaten in der Arabischen Welt, Homosexuelle werden jedoch weiterhin von den Behörden verfolgt – wenn auch nur sporadisch verglichen mit anderen Staaten der Region.

Damien musste das am eigenen Leib verspüren. Wie er auf der Homepage von Beirut Pride schildert, wurde er Sonntagabend von einem der Veranstalter überraschend angerufen. Beirut Pride besteht neben Festen aus zahlreichen kulturellen Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen und Lesungen.

Drohung

Eine dieser Lesungen erhielt demnach am 13. Mai Besuch von Mitarbeitern des libanesischen Sicherheitsapparates. Sie beanstandeten laut den Schilderungen Damiens, dass die Lesung des Theaterstücks über homophobe Verbrechen einer Genehmigung durch das Zensurbüro bedürfe.

Nachdem Damien am Veranstaltungsort eingetroffen war, wurde er auf eine Polizeistation in Beirut gebracht. Dort musste er die Nacht verbringen.

Absage auf Druck der Behörden. (Screenshot: beirutpride.org)
Absage auf Druck der Behörden. (Screenshot: beirutpride.org)

Am nächsten Morgen, so Damien in der Stellungnahme, begannen die “Befragungen”. Fragen schienen die Behördenvertreter jedoch nicht viele zu haben. Vielmehr sagten sie dem Aktivisten zu, dass er freigelassen werde, wenn er schriftlich einwilligt, alle Pride -Veranstaltungen abzusagen.

Auf das Zuckerbrot folgte der Wink mit der Peitsche. Die Ermittler sprache eine Warnung aus: Wenn Damien nicht einwillige, die übrigen Veranstaltungen abzusagen, werde sein Fall an einen Untersuchungsrichter weitergeleitet.

Paragraf 534

Dieser würde ihn dann wegen “Anstiftung zur Unmoral und Verletzung der öffentlichen Moral” verhören, so die Warnung. Es war keine leere Drohung.  Die gesetzliche Grundlage dafür ist der berüchtigte Paragraph 534 im libanesischen Strafgesetzbuch. Dieser sieht eine Haftstrafe von bis zu einem Jahr für “jedweden Geschlechtsverkehr wider der Natur” vor.

In der Vergangenheit wurde der Paragraph immer wieder dafür verwendet, gegen Homosexuelle im Libanon vorzugehen. In den vergangenen Jahren führten Behörden immer wieder Razzien durch, um Personen festzunehmen, die sie homosexueller Handlungen bezichtigen. Den Festnahmen folgen oft Berichte über Folter in der Haft.

Kritische Judikatur

Besonders in Beirut etablierte sich dennoch eine lebhafte LGBT-Szene. Und auch die Judikatur hat begonnen Paragraf 534 zu hinterfragen. 2014 entschied ein Richter z.B, dass Sex zwischen einer Transgender-Frau und einem Mann nicht als “unnatürlich” einzustufen sei. 2017 entschied ein anderer Richter, dass “Homosexuelle das Recht haben, eine intime Beziehung zu führen”, ohne Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung befürchten zu müssen.

Der diesjährigen Beirut-Pride hilft das nicht mehr. Ob es nächstes Jahr erneut den Versuch einer Pride-Week in Beirut gibt, ist unklar.

Autor: Stefan Binder
Veröffentlicht am 17.5.2018.
Titelbild: Michael Ruiz (CC BY 2.0)

Leseliste:
BeirutPride.org: Stellungnahme von Hadi Damien zur Absage der Beirut Pride
HRW.org: Lebanon Edges Closer to Decriminalizing Same-sex Conduct