Die nächste Offensive des syrischen Regimes steht wohl bevor: Viel gibt es nicht mehr zu erobern, oppositionelle Rebellen kontrollieren nur mehr drei Gebiete im Land.

Evakuierung folgt auf Evakuierung in Syrien: Nachdem Rebellen und Zivilisten in einer Vereinbarung mit dem syrischen Regime aus den Regionen Homs und Hama gen Norden fliehen durften, kam auch in den Vororten der Hauptstadt Damaskus ein derartiger Deal zustande.

Mittlerweile ist rund die Hälfte der syrischen Landfläche Syriens wieder unter Regime-Kontrolle. Zum Vergleich: Ende 2015 kontrollierten die Truppen von Assad nur 16 Prozent. Zu Verdanken hat der syrische Machthaber das den russischen Luftschlägen (mehr dazu in: Nur 14 Prozent der russischen Luftschläge gegen den IS).

Nur mehr drei Zonen Syriens sind unter teilweiser Kontrolle der Rebellen:

Süd-Syrien:

Darunter sind Gebiete im Süden Syriens. Oppositionelle Rebellen kontrollieren Teile von Quneitra, Deraa und Suwaida. Außerdem sind Gebiete rund um eine Sonderzone um die al-Tanf-Basis im Südosten nahe der syrisch-jordanischen Grenze unter ihrer Kontrolle. Die al-Tanf-Basis wird von den USA betrieben, um Rebellen auszubilden.

Im Süden prallen folglich auch die Interessen mehrere Staaten aneinander: Sowohl Washington mit seiner Basis, als auch das benachbarte Israel und Jordanien beobachten diese Region mit Argusaugen. Das Gebiet ist auch die einzige Zone Syriens, die durch einen Waffenstillstand geschützt wird. Anders als andere, sogenannte Deeskalations-Zonen, die durch Übereinkünfte zwischen der Türkei und Russlands entstanden sind, ist die Vereinbarung im Süden zwischen Washington und Moskau zustande gekommen.

Allerdings zeigt diese Vereinbarung erste Risse: Der Süden gilt als wahrscheinlichster Schauplatz der nächsten Regimeoffensive in Syrien. Die bewaffneten Rebellen bekamen zuletzt immer weniger Nachschub (der fast ausschließlich über Jordanien läuft). Und die syrische Regierung kann – nachdem sie Damaskus und Aleppo zurückerobert hat – all ihre militärischen Ressourcen auf eine Offensive im Süden konzentrieren.

Nord-Aleppo:

In der ländlichen Gegend nördlich von Aleppo kontrollieren von der Türkei unterstützte Rebellen einen Streifen entlang der südlichen Grenze der Türkei bis hin zum Ort Jarablus. Viele dieser Gebiete waren zuvor unter Kontrolle des “Islamischen Staates” oder kurdischer Kämpfer, bevor sie durch die beiden türkischen Militäroperationen “Schutzschild Euphrat” und “Operation Olivenzweig” ins Visier der Türkei kamen.

Zuletzt haben von der Türkei unterstützte Rebellen Afrin zurückerobert, wo sich derzeit bewaffnete Oppositionelle und Teile ihrer Familien befinden. Einige davon aus den erst unlängst von Assads Truppen zurückeroberten Rebellengebieten in Ost-Ghouta (Damaskus).

Idlib:

Das wichtigste von Rebellen gehaltene Gebiet ist jedoch der Großraum Idlib. Es ist nicht nur die einzige Provinz Syriens, die großteils von Rebellen gehalten wird, sondern auch das größte und bevölkerungsreichste Gebiet, das unter Oppositionskontrolle steht. Mehr als 2 Millionen Menschen sollen im Großraum Idlib leben. Rund die Hälfte davon sind Flüchtlinge, die andere Konfliktregionen Syriens verlassen mussten oder – wie zuletzt in Ost-Ghouta – im Zuge einer Vereinbarung evakuiert wurden.

Dabei wird das Gebiet nicht von einer einheitlichen Oppositionsfront kontrolliert. Zahlreiche teils rivalisierende Rebellengruppen – darunter auch extremistische Gruppen und mit al-Kaida verbündete Islamisten – halten sich in der Region auf.

Die Präsenz solcher Gruppen – allen voran der Hayat Tahrir ash-Sham (HTS), die sich von der al-Kaida abspaltete (siehe dazu: Jabhat an-Nusra und al-Kaida: Chronologie einer Spaltung)- führt immer wieder zu bewaffneten Konfrontation zwischen den einzelnen Fraktionen. Noch komplexer wird die Situation durch die verschiedenen ausländischen Akteure, die versuchen Einfluss in Idlib auszuüben. Die Türkei ist vor Ort am stärksten vertreten, werden doch auch viele der Rebellengruppen direkt von Ankara unterstützt.

Obwohl das Gebiet eigentlich als eine von Russland, der Türkei und dem Iran ausgehandelte Deeskalationszone gilt, kommt es regelmäßig zu russischen Luftangriffen auf das Rebellengebiet.

Autor: Stefan Binder.
Veröffentlicht am 5.5.2018

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